Gedanken eines Herztransplantierten

Für einen Menschen nach einer Herztransplantation ist es selbstverständlich, zu jeder Zeit mit großem Dank an seinen Organspender zu denken.

Ich darf jetzt schon mehr als 13 Jahre mit einem Spenderherzen leben, und muss sagen, ich habe jedes Jahr dankbar entgegen genommen, sozusagen „von ganzem Herzen“. So ist es Zeit, einmal schriftlich nieder zu legen, was man als Organempfänger empfindet.

Im Vordergrund stehst DU, dessen Herz heute in meiner Brust schlägt. Für mich ist es nicht das viel zitierte „Fremde Herz“, sondern es ist inzwischen „Mein Herz, Mein Neues Herz“, das schon sehr bald nach der Transplantation von mir voll adoptiert wurde. Mit dieser Adoption, so stelle ich mir das vor, lebst DU auch 13 Jahre nach Deinem physischen Tod weiter, bist mittendrin in der heutigen Zeit, die so spannend und aufregend ist wie nie zuvor. Wir beide zusammen sind unwiderruflich lebendiger Teil in der Gegenwart, und dafür bin ich DIR so unendlich dankbar. Diese Dankbarkeit lebt nicht nur zu besonderen Anlässen, sondern sie existiert Tag für Tag, einfach immer.

Wie gerne würde ich an Deinem Grab einen Blumengruß niederlegen und ein Dankgebet sprechen. Da ich nicht weiß, wer DU warst, oder besser gesagt, wer DU bist, ist dies leider nicht möglich. Aber das hole ich jeden Tag „im stillen Kämmerlein“ nach, in dem wir dann beide ganz allein ganz nah beieinander sind. DU siehst also, DU bist weiß Gott nicht vergessen, DU bist immer dort wo ich auch bin, mitten im Leben. Ich weiß nur, dass DU sehr jung gewesen bist, als DU körperlich diese Welt verlassen hast. Ich wüsste manchmal sehr gerne etwas mehr von DIR. Dann wieder denke ich: „Es ist schon richtig so, dass DU anonym bleibst. Wer weiß schon, was wir voneinander halten würden. Allein der Altersunterschied ist ja beträchtlich. Was würden DEINE Angehörigen sagen und fühlen, wenn wir uns begegneten?“

Diese Gedanken kommen immer wieder, und dann kommt man doch zu dem Schluss, dass es so wie es ist am besten und auch richtig ist. In meinen Vorstellungen bist Du ein junger Mann, der mich ständig begleitet, der ohne je gestört zu haben mein Leben mitbestimmt. Selbstverständlich hat man als Organempfänger eine Verantwortung gegenüber dem Spender. Ein leichtsinniges Leben, möglichst noch in Saus und Braus ist einfach tabu. Dennoch ist es erlaubt, mit jeder Faser das „Zweite Leben“ zu genießen, wobei auch kleine „Sünden“ durchaus einmal erlaubt sind. DU bist ja schließlich dabei, und hast DICH ja auch noch nie dagegen aufgelehnt, sondern DU hast immer mitgemacht, die ganzen 13 Jahre. Man könnte schon sagen, wir sind wie ein Ehepaar, aber das kann ja nicht sein, denn DU hast mir nie widersprochen, was hin und wieder eine Ehefrau ja durchaus berechtigt darf.

Dein Herz erledigt jetzt 13 Jahre lang ohne Unterbrechung und ohne jede Komplikation seinen Dienst. Nach all den Leiden und Strapazen, die man vor der Transplantation durchgemacht hat, ist dies für mich wie ein Wunder. Da ist es nur allzu verständlich, wenn man voller Dankbarkeit an die großen Leistungen der Mediziner, des Pflegepersonals und nicht zuletzt auch an die Forschungen der Wissenschaftler in der Pharmaindustrie denkt. Ich bin mir auch dankbar der Tatsache bewusst, dass ich in einer Zeit lebe, in der diese Leistungen erst möglich wurden und in einem Land, das so aufwändige Transplantationen ermöglicht, ohne dass Patienten finanziell Probleme bekommen, dank eines hervorragenden Sozialsystems, welches oft ungerecht kritisiert wird. Großer Dank gebührt auch meiner Familie, die alles so geduldig mitgetragen und so oft um mich gebangt hat.

Der allergrößte Dank und Respekt gilt aber DIR. Ohne Dich gäbe es mich nicht mehr, und ich könnte diese Zeilen gar nicht schreiben, was sehr schade wäre, für mich aber auch für DICH. Besonderen Dank aber auch an Deine Angehörigen, die sich zur Organspende bereit erklärt haben – eine wirklich richtige und bewunderungswürdige Entscheidung!

Wir, die wir so oft in unserer Selbsthilfegruppe zusammen sind bei unseren Ausflügen und Feierlichkeiten, haben uns alle mehr oder weniger oft die gleichen Gedanken gemacht, wie ich Sie hier niedergeschrieben habe. Für mich ist alles nach wie vor wie ein Wunder. Und das Wunder, das uns Transplantierten ein „Zweites Leben“ beschert hat, dürfen wir immer wieder gemeinsam erleben. So stelle ich mir vor, dass dann nicht nur wir von unserer Selbsthilfegruppe anwesend sind, sondern auch eine unsichtbare Schar von Menschen, denen wir alles zu verdanken haben. -

Jochen Standop