Erinnerungen an Weihnachten 1945 (von Inge Schadach)

Der zweite Weltkrieg war vorüber. In der zerschundenen Stadt, in der wir lebten, sollte Weihnachten sein!

Ich war damals 12 Jahre alt. Unsere Wohnung war wegen der Einschläge der Bomben und Granaten nur notdürftig mit Pappe und Holz aus den Ruinen „winterfest“ gemacht worden. Ich glaube, dass zu diesem Zeitpunkt wohl kaum jemand begriff, dass Weihnachten war.

Von meinem Vater, der zuletzt an der Ostfront eingesetzt war, hatten wir bis jetzt nichts gehört. Wir hatten keinen Strom, kein Heizmaterial, wir hatten buchstäblich nichts, wir hungerten und froren.

In unsere Räume hatte man ein altes Ehepaar eingewiesen, das durch die Zerstörungen keine eigene Unterkunft mehr hatte. Und hier, an diesem Punkt, beginnt meine eigentliche Geschichte:

Es klopfte an unsere Stubentür. Meine Mutter öffnete, und da stand die alte Dame mit zwei Briketts in der Hand und erinnerte uns an das Weihnachtsfest. Wir hatten damals ja nichts zum Schmücken, was heute das Fest so ausmacht. Keine Tanne, keinen Glasschmuck, keine Kerzen! Es gab nichts, um uns herum war alles trostlos und zerstört. Nur unser Kachelofen. Der war heil geblieben.

Voller Freude wickelte meine Mutter die Briketts in dickes Papier, und der Kachelofen fing an, etwas Wärme zu spenden. Unser altes Ehepaar wurde eingeladen, dicht am Ofen die Wärme zu spüren. Auch unsere anderen Nachbarn wurden an den Ofen geführt. Eine Frau brachte eine Kerze mit, oder besser gesagt eine Kerze, die mal früher eine war, krumm und klein und völlig verschmutzt, - aber sie brannte!

So saßen wir im Dunkeln mit einem kleinen Kerzenfragment stumm zusammen. Keiner sprach ein Wort. Das alte Ehepaar hatte seinen Sohn im Krieg verloren, und der Sohn der Nachbarsleute befand sich in Gefangenschaft. Mein Vater fehlte ja auch. Jeder hing seinen Gedanken nach, eine stille Stunde, wie man sie heute wohl nicht mehr erleben kann.

Da stand der Nachbar auf, ging hinaus und kam mit einer Gitarre wieder. Ganz leise fing er an zu spielen. Ob wir da merkten, dass Weihnachten war? Ganz, ganz zaghaft fingen alle an mit zu singen. Einige Tränen liefen, weil nun doch zu spüren war, dass Weihnachten und wohl auch Frieden war.


Nachwort

Diese, zugegeben, etwas sentimentale Geschichte wurde deshalb ausgesucht, weil die Menschen in dieser zerschundenen Stadt 1945 und wir Transplantierte eine Gemeinsamkeit haben:

Sowohl die Menschen in diesem Zimmer, als auch wir erlebten bewusst einen Moment, an dem uns ein zweites Leben geschenkt wurde. Damals war es der überstandene, ja überlebte Krieg, der einen Neubeginn darstellte. Bei uns war es der Moment, in dem ein neues, gespendetes Organ seine Funktion in unserem Körper aufnahm.

Weihnachten ist ja heute auch das Fest der Geschenke. Aber sowohl die Menschen 1945 als auch wir Transplantierte haben erfahren, dass kein Geschenk, und sei es noch so groß oder schön verpackt oder teuer, so wertvoll sein kann wie das Geschenk des Lebens. –

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest und ein gesundes und erfolgreiches Jahr 2014.

-jo-
05.12.13